Tartarus: Primordialer Gott des Tiefsten Abgrunds
Einfuehrung
Tartarus ist eine der aeltesten und grundlegendsten Kraefte der griechischen Mythologie, eine primordiale Gottheit, die am absoluten Anfang der Schoepfung existierte, entstehend nach Chaos neben Gaia, Eros, Erebus und Nyx. Anders als die meisten griechischen Goetter war Tartarus gleichzeitig eine Gottheit und ein Ort: ein gewaltiger, sonnfloser Abgrund, der so weit unter der Unterwelt lag, wie die Erde unter dem Himmel liegt.
Als Gott verkoerperte Tartarus das Konzept absoluter Tiefe und grenzenloser Dunkelheit. Als Reich beschrieb sein Name das letzte Gefaengnis des griechischen Kosmos, einen Ort so tief, dass ein Amboss, von der Erde fallend gelassen, neun Tage und neun Naechte fallen wuerde, bevor er den Boden erreichte.
Ursprung und Kosmogonie
In Hesiods Theogonie gehoert Tartarus zu den ersten Wesen, die ins Dasein kamen. Nach Chaos entstanden Gaia (Erde) und Tartarus gemeinsam, die eine das solide Fundament der physischen Welt, der andere die grenzenlose Leere darunter. Diese Paarung stellte Tartarus als notwendiges Gegenstueck zu Gaia dar: sie erstreckte sich aufwaerts zum Himmel, er stuerzte abwaerts in endlose Dunkelheit.
Hesiod beschreibt Tartarus als "in den Tiefen der weitgepfadeten Erde" liegend, genau so weit unter der Oberflaeche wie der Himmel darueber ist. Er war nicht bloss ein Merkmal der Landschaft, sondern eine primordiale Kraft, so alt und grundlegend wie die Erde selbst.
In manchen Traditionen wird Tartarus als selbsterzeugt beschrieben, entstehend aus der primordialen Leere ohne Eltern, als einer der ersten Ausdruecke des sich differenzierenden Kosmos.
Tartarus als Gott und Ort
Eines der markantesten Merkmale des Tartarus ist seine doppelte Identitaet als Gottheit und Reich. Die antiken Griechen benannten Orte haeufig nach den Goettern, die sie verkoerperten oder ueber sie herrschten, aber bei Tartarus war die Identifikation total. Er regierte nicht bloss den Abgrund; er war der Abgrund.
Als physisches Reich lag Tartarus am absoluten Boden des Kosmos. Drei Schichten Nacht umgaben ihn; drei Schichten Bronze schlossen ihn ein. Selbst die Goetter konnten ihn nicht leicht erreichen oder aus ihm entkommen, sobald sie dort eingesperrt waren. Die Titanen wurden nach ihrer Niederlage durch Zeus in Tartarus geworfen, bewacht von den Hekatoncheiren.
Als Gottheit war Tartarus eher abstrakt als anthropomorph. Er hatte keine Tempel, keinen Kult und keine Mythen, in denen er sich unter anderen Goettern bewegte. Seine Persoenlichkeit, wenn er eine hatte, drueckte sich gaenzlich durch die Natur seines Reiches aus: absolut, unbeweglich, dunkel und unentrinnbar.
Rolle und Herrschaftsbereich
Tartarus' Herrschaftsbereich war die niedrigstmoegliche Tiefe der Existenz, das letzte Fundament unter allen anderen Fundamenten. Wo Gaia den soliden Boden bot, auf dem Leben gedieh, und Hades ueber die Schatten der Toten herrschte, hielt Tartarus, was noch weiter unten lag: die schrecklichsten Gefangenen, die aeltesten Strafen, die Kraefte, die zu gefaehrlich waren, um irgendwo anders im Kosmos zu existieren.
In der spaeten mythologischen Tradition wurde Tartarus zum Ort der Strafe fuer die schlimmsten Frevler gegen die Goetter. Hier rollte Sisyphos endlos seinen Felsblock, stand Tantalus in Wasser, das er nie trinken konnte, unter Fruechten, die er nie erreichen konnte, und kreiste Ixion ewig auf einem Feuerrad.
Die Unterscheidung zwischen Tartarus und der breiteren Unterwelt (Hades) wurde im griechischen Denken sorgfaeltig aufrechterhalten. Hades war das neutrale Reich der Toten; Tartarus war ein Ort aktiver, ewiger Strafe.
Tartarus und Gaia: Vater der Ungeheuer
Obwohl selten als aktive Persoenlichkeit dargestellt, wurde Tartarus durch seine Verbindung mit Gaia zum Vater einiger der furchtbarsten Wesen der griechischen Mythologie. Ihr beruhmtester Nachkomme war Typhon, das letzte grosse Ungeheuer, das die Vorherrschaft des Zeus herausforderte, von Hesiod als so gigantisch und furchtbar beschrieben, dass sogar die Goetter bei seinem Anblick in Panik flohen.
Typhon hatte hundert Schlangenkopfe, jeder mit einer anderen und schrecklichen Stimme sprechend. Er forderte Zeus um die Herrschaft ueber den Kosmos heraus und ueberwaeligte anfangs den Koenig der Goetter. Erst als Zeus sich erholte und Typhon unter den Aetna begrub, war die goettliche Ordnung endgueltig gesichert.
In manchen Traditionen war auch Echidna, die "Mutter der Ungeheuer", halb Frau und halb Schlange, ein Kind von Tartarus und Gaia, was den primordialen Abgrund zum letztendlichen Ursprung aller grossen Ungeheuer der griechischen Mythologie macht.
Wichtige Mythen mit Tartarus
Die Titanomachie: Nachdem Zeus und die Olympier die Titanen in dem zehn Jahre andauernden Krieg besiegt hatten, warf Zeus die besiegten Titanen in Tartarus. Dort wurden sie hinter Bronzetoren, bewacht von den Hekatoncheiren, gefangen gehalten. Diese Nutzung des Tartarus als letztendliches Gefaengnis begruendete seine Rolle in der gesamten nachfolgenden griechischen Mythologie.
Die Geburt des Typhon: Nach der Titanomachie verband sich Gaia, erzurnt uber die Niederlage der Titanen, mit Tartarus und brachte Typhon hervor, das furchtbarste aller Ungeheuer. Dieser Mythos stellt Tartarus als aktive Kraft des Widerstands gegen die olympische Ordnung dar.
Tartarus in der Theogonie: Hesiods bemerkenswerte Beschreibung des Tartarus als physischen Ort, mit seinen Schichten aus Nacht, Bronzeeinschliesssung und Wurzeln, die bis zum Boden des Kosmos reichen, ist eine der detailliertesten kosmologischen Passagen in der fruehen griechischen Literatur.
Verehrung und kulturelle Rolle
Tartarus empfing in der antiken griechischen Welt keinen Kultkult. Es gab keine Tempel, keine Feste und keine Weihegaben, die ihm gewidmet waren. Diese Abwesenheit ist aufschlussreich: Tartarus war zu grundlegend, zu abstrakt und zu weit von menschlichen Anliegen entfernt, um durch Gebet oder Opfer angesprochen zu werden. Er gehoerte dem Bereich kosmologischen Denkens und nicht der gelebten religioesen Praxis an.
Seine Bedeutung zeigte sich stattdessen im moralischen und theologischen Gewicht, das er dem Konzept der Strafe verlieh. Die Existenz des Tartarus als primordiale Gottheit bedeutete, dass die letztendlichen Strafen des Kosmos nicht bloss goettliche Entscheidungen waren, sondern Ausdruecke der tiefsten Struktur des Universums.
Platon beschrieb in seinem Phaidon Tartarus als den tiefsten Punkt der Erde, eine grosse Schlucht, durch die die Fluesse der Unterwelt stroemten, und das letzte Ziel unheilbar boser Seelen.
Erbe und moderne Bedeutung
Der Name Tartarus hat sich als Inbegriff der tiefsten Grube der Strafe und Verzweiflung bis in die Moderne erhalten. In Dantes Inferno, das stark von der klassischen Mythologie beeinflusst ist, spiegeln die tiefsten Hoellenkreise die Struktur und Funktion des griechischen Tartarus wider.
In der modernen Wissenschaft wurde der Name Tartarus auf verschiedene astronomische und geologische Merkmale angewandt. Das Konzept eines letztendlichen, unentrinnbaren Abgrunds, der allen anderen Reichen zugrunde liegt, hat sich als bemerkenswert bestaendig erwiesen, erscheint in Literatur, Theologie und Philosophie ueber Kulturen und Jahrhunderte hinweg.
Als primordiale Gottheit verkoerpert Tartarus etwas, das in jedem kosmologischen System ueberzeugt: die Idee, dass unter aller Ordnung, aller Struktur und aller Zivilisation eine bodenlose Tiefe liegt, die ihnen allen vorausgeht.
Häufig gestellte Fragen
Ist Tartarus eine Gottheit oder ein Ort in der griechischen Mythologie?
Ueber was ist Tartarus der Gott?
Wer sind die Kinder des Tartarus?
Was ist der Unterschied zwischen Tartarus und Hades?
Verehrten die antiken Griechen den Tartarus?
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