Nyx: Die Primordiale Goettin der Nacht
Einfuehrung
Nyx ist die primordiale griechische Nachtgoettin, eines der ersten Wesen, die existierten, aus Chaos selbst am Anbeginn der Schoepfung geboren. Sie gehoert zu den aeltesten und ehrfurchtgebietendsten Gestalten der gesamten griechischen Mythologie, einer Gottheit von so tiefer Macht und Autoritaet, dass sogar Zeus, der Koenig der Goetter, zauderte, sie zu erzurnen.
Ihr Name entstammt direkt dem altgriechischen Wort fuer Nacht, nyx, und sie personifiziert die Dunkelheit, die die Welt von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang umhuellt. Aber Nyx ist weit mehr als das Fehlen von Licht. Sie ist die Mutter einer ausserordentlichen Familie personifizierter Kraefte, Schlaf, Tod, Traeume, Schicksal, Streit, Betrug, Kraefte, die das Innenleben von Goettern und Sterblichen gleichermaszen beherrschen.
Ursprung und Geburt
In Hesiods Theogonie gehoert Nyx zu den allerersten Wesen, die entstanden, sie trat aus Chaos hervor zusammen mit Erebus (primordialer Finsternis). Die Beziehung zwischen Nyx und Erebus bei Hesiod ist unmittelbar und fruchtbar: Aus ihrer Vereinigung gingen Aether (die helle Oberluft der Himmelsgewoelbe) und Hemera (der Tag) hervor. Diese Paarung von Nacht und Finsternis, die Licht und Tag hervorbringt, ist eines der elegantesten Paradoxe der griechischen Kosmogonie.
In der orphischen Tradition spielt Nyx eine noch zentralere Rolle. In manchen orphischen Kosmogonien ist Nyx das allererste Wesen, dem selbst Chaos voraus oder das neben Chaos als eines der Ursprungsprinzipien besteht. Sie wird beschrieben als in einer Hoehle wohnend, unaufhoerlich das Schicksalsgewebe webend. Dieser erhoehte Status in der orphischen Tradition spiegelt eine Intuition wider, dass die Nacht, als Zeit der Vision, Prophezeiung, Traeume und der Gegenwart der Toten, etwas Fundamentaleres darstellt als blosse Dunkelheit.
Die Macht der Nyx
Eine der auffaelligsten Passagen der antiken griechischen Literatur bezueglich Nyx erscheint in Homers Ilias. Als der Gott Hypnos (Schlaf, Nyx' Sohn) vor Zeus' Zorn floh, nachdem er den Koenig der Goetter auf Heras Bitte hin in Schlaf gelullt hatte, suchte er bei seiner Mutter Nyx Zuflucht. Homer schreibt, dass Zeus, obwohl er wuetend war, das Streitgespraech nicht weiterverfolgen wollte, um die schnelle Nacht nicht zu erzurnen.
Dieser Moment ist bemerkenswert. Zeus, das maechtigste Wesen im Kosmos, der Herr von Himmel und Donner, der Titanen und Giganten besiegt hatte, verbeugteich vor Nyx. Kein anderes Wesen in der olympischen Tradition gebietet diese Art von fragloser Ehrerbietung von Zeus. Es deutet darauf hin, dass Nyx eine Autoritaet besitzt, die die politischen Hierarchien des Olymp uebersteigt.
Die Kinder der Nyx
Nyx ist eine der fruchtbarsten Muetter der griechischen Mythologie, und ihre Kinder gehoeren zu den bedeutendsten Kraefte der menschlichen Erfahrung. Manche gebar sie mit Erebus; viele gebar sie allein.
Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod) sind Zwillingsbrueder, die beiden grundlegendsten Formen des naecht- lichen Bewusstseinsverlustes. In der antiken Kunst wurden sie als gefluegelte Brueder dargestellt, oft schlafend oder den Koerper eines gefallenen Kriegers tragend.
Morpheus und die Oneiroi (Traeume), Morpheus war der Traumgott, der im Schlaf Menschengestalt annehmen konnte. Seine Brueder Phantasos und Phobetor verkoerperten die seltsameren und beaengstigenden Aspekte der Traumwelt.
Die Moiren (die Schicksalsgottinnen, Klotho, Lachesis und Atropos), die drei Goettinnen, die den Faden jedes Sterblichenlebens spannen, massen und schnitten. Hesiods Theogonie nennt Nyx als ihre Mutter, wodurch das Schicksal selbst ein Kind der Nacht wird.
Nemesis (Goettliche Vergeltung), Eris (Streit), Apate (Taeuschung), Oizys (Elend), Moros (Verhangnis), Geras (Alter) und Lyssa (Wahnsinn) vervollstaendigen die Familie, ein umfassendes Portrait des Leids und der Schwerigkeit, die das Sterblichendasein begleiten.
Heim und Erscheinung
Die antiken Dichter beschrieben Nyx als am aeussersten Rand der Welt wohnend, nahe Tartarus und dem Eingang zur Unterwelt. Sie lebte in einer grossen Hoehle oder einem Palast, wo Nacht und Tag in einem kosmischen Rhythmus wechselten. Hesiod erlaeutert in der Theogonie: "Dort stehen die furchtbaren Haeuser der dunsteren Nacht, in dunkle Wolken gehuellt."
In der antiken Kunst und Literatur wurde Nyx als majestaetische gefluegelte Goettin dargestellt, oft in Schwarz oder Tiefblau gekleidet, Sterne hinter sich herziehend. Manchmal wurde sie auf einem Streitwagen gezeigt, der ueber den Himmel fuhr und den Mantel der Nacht hinter sich herzog, Schlaf und Traeume verstreuend.
Dieses Bild der geflugelten Nachtgoettin, die ihren Streitwagen ueber den Himmel treibt, machte sie zur natuerlichen Gegenspielerin von Hemera (dem Tag), ihrer eigenen Tochter. Mutter und Tochter wechseln sich ab, den Himmel zu durchqueren, Dunkelheit und Licht in ewigem Wechsel, ist eines der schoensten und dauerhaftesten Bilder der antiken griechischen Kosmologie.
Nyx in der orphischen Religion
In der orphischen Religionstr- adition, einem Mysterienkult, der sich auf die Lauterung und Befreiung der Seele konzentrierte, nahm Nyx eine Stellung von ausserordentlicher theologischer Bedeutung ein. Die orphischen Rhapsodien beschrieben eine Kosmogonie, in der Nyx das erste Wesen oder eines der ersten war, und in der sie als kosmische Prophetin diente, die die Geheimnisse des Schicksals und der Schoepfung enthullte.
Der Nyx gewidmete orphische Hymnus bezeichnet sie als "Ursprung der Goetter und Menschen", "heilige Nacht" und "Erzeugerin aller Dinge", eine Sprache, die sie auf einen kosmologischen Status nahe monotheistischer Primaet erhebt. Fuer die Orphiker stellte die Nacht nicht bloss das Fehlen des Tages dar, sondern die heilige, schoepferische Dunkelheit, aus der alles Licht und alle Ordnung ursprunglich hervorgeht.
Verehrung und Kult
Nyx wurde nicht oeffentlich im Kult in der ganzen griechischen Welt verehrt, so wie es die olympischen Goetter waren. Es gab keine grossen Tempelkomplexe zu ihren Ehren, keine Buergerlichen Feste, keine regelmaessigen oeffentlichen Opfer. Ihre Natur, naechtlich, innerlich, mit Traeumen und Tod verbunden, eignete sich nicht fuer die sonnenbeschienene oeffentliche Religion der Agora.
Nyx war jedoch bedeutsam in der Mysterienreligion und der privaten Froemmigkeit. Der orphische Hymnus an Nyx ist einer der ausgearbeitetsten und theologisch reichsten der ueberlieferten orphischen Hymnen. Sie erscheint auch in magischen Papyri und Fluchtafeln, wo ihre naechtliche Macht angerufen wurde.
In Megara, einer antiken Stadt nahe Athen, soll es einen Nyx-Kult gegeben haben, der mit einem Nacht-Orakel verbunden war, eine angemessene Einrichtung fuer eine Goettin, deren Macht sich nach Einbruch der Dunkelheit entfaltete.
Symbole, Attribute und Erbe
Nyx' charakteristischste Attribute sind ihre Fluegel, ihre dunklen Gewaender und ihre Verbindung mit den Sternen, den Lichtern, die ihre Herrschaft durchsetzen, ohne sie zu verdraengen. Die Eule, Fledermaus und der Rabe, naechtliche oder unheilverkundende Voegel, waren ihr als Geschoepfe der Nacht heilig. Der Mohn, der mit Schlaf und Vergessen verbunden ist, und die Zypresse, ein Trauergewachs, verbanden sie mit den Reichen des Schlafes und des Todes.
In der Kunst der Renaissance und des Barock wurde Nyx haeufig als schoene und ernste gefluegelte Gestalt dargestellt, die einen sternenbesetzten Wagen ueber einen dunklen Himmel lenkt.
Ihr Name wurde fuer verschiedene astronomische Objekte uebernommen, unter anderem fuer Plutos Mond Nix (eine alternative Schreibweise von Nyx), passenderweise in den dunklen aeusseren Tiefen des Sonnensystems platziert.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Nyx in der griechischen Mythologie?
Warum fuerchtete Zeus die Nyx?
Wer sind die Kinder der Nyx?
Wie lautet Nyx' roemischer Name?
Welche Rolle spielte Nyx in der orphischen Religion?
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