Was geschah mit den griechischen Göttern?
Kurze Antwort
Die griechischen Götter starben nicht. Sie wurden verdrängt. Als die politische Macht von Griechenland auf Rom überging, wurden die griechischen Götter unter lateinischen Namen in das römische Pantheon aufgenommen: Zeus wurde Jupiter, Poseidon wurde Neptun, Ares wurde Mars. Als das Christentum im 4. Jahrhundert n. Chr. zur offiziellen Religion des Römischen Reiches wurde, wurden die alten heidnischen Götter allmählich unterdrückt, ihre Tempel geschlossen, ihre Verehrung verboten, ihre Bilder zerstört oder umgewidmet.
Aber sie verschwanden nie wirklich. Sie überlebten in Literatur, Kunst, Philosophie und den Namen der Planeten. Heute leben sie in Sprache, Kultur, Psychologie und populären Medien fort, auf eine Weise, die die alten Griechen selbst erstaunt hätte.
Die mythologische Antwort
Innerhalb der griechischen Mythologie selbst sind die Götter unsterblich, sie können nicht sterben (obwohl sie verwundet, eingesperrt oder vorübergehend geschwächt werden können). Die mythologische Tradition enthält keine Geschichte vom «Ende der Götter», die dem Ragnarök der nordischen Mythologie entspricht.
Am nächsten kommt die griechische Mythologie einem Ende mit dem Abschluss des Heroischen Zeitalters: Nach dem Trojanischen Krieg sollen sich die Götter aus der direkten Beteiligung an menschlichen Angelegenheiten zurückgezogen haben. Das Zeitalter, in dem Götter unter Sterblichen wandelten, Helden zeugten und sichtbar in menschliche Schlachten eingriffen, galt als beendet. Aber die Götter selbst existierten weiterhin auf dem Olymp.
Einige spätere Traditionen, insbesondere in der neuplatonischen Philosophie, deuteten die Götter als ewige abstrakte Prinzipien oder Aspekte einer göttlichen Einheit um statt als individuelle Persönlichkeiten. In dieser Lesart gingen die Götter nie «irgendwohin»; sie waren immer als metaphysische Wirklichkeiten hinter der sichtbaren Welt präsent.
Die historische Antwort: Rom
Als Rom Griechenland eroberte (de facto abgeschlossen 146 v. Chr.), wurde die griechische Kultur nicht zerstört, sondern absorbiert. Die Römer waren tief beeindruckt von griechischer Kunst, Literatur und Philosophie und kartierten ihre eigenen bestehenden Götter auf das griechische Pantheon.
Der Prozess der interpretatio romana identifizierte griechische Götter mit römischen Entsprechungen: Zeus wurde Jupiter, Hera wurde Juno, Poseidon wurde Neptun, Athene wurde Minerva, Artemis wurde Diana, Ares wurde Mars, Aphrodite wurde Venus, Hermes wurde Merkur, Dionysos wurde Bacchus und so weiter. Die Mythen wurden von römischen Dichtern übersetzt und adaptiert, am bedeutendsten von Ovid in seinen Metamorphosen, und die Verehrung dieser griechisch-römischen Götter setzte sich im gesamten Römischen Reich fort.
In diesem Sinne verschwanden die griechischen Götter nicht. Sie wechselten Namen und Adressen und zogen vom Olymp auf das römische Kapitol. Der Kaiserkult fügte Kaiser der göttlichen Liste hinzu, und die alten Götter blieben über Jahrhunderte zentral im öffentlichen und privaten Leben Roms.
Die historische Antwort: Das Christentum
Die entscheidende Wende kam mit dem Christentum. Im Jahr 313 n. Chr. erließ Kaiser Konstantin das Mailänder Edikt und gewährte Christen religiöse Toleranz. Im Jahr 380 n. Chr. erklärte Kaiser Theodosius I. das Christentum zur offiziellen Staatsreligion des Römischen Reiches. Im Jahr 392 n. Chr. verbot er alle heidnische Verehrung.
Die praktischen Folgen waren schwerwiegend: Tempel wurden geschlossen, zu Kirchen umgewandelt oder abgerissen. Das Parthenon in Athen wurde eine christliche Kirche (später eine Moschee unter den Osmanen). Die große Zeusstatue in Olympia wurde nach Konstantinopel gebracht, wo sie bei einem Brand zerstört wurde. Das Orakel von Delphi, das über tausend Jahre lang in Betrieb gewesen war, wurde 390 n. Chr. geschlossen.
Christliche Theologen deuteten die heidnischen Götter auf verschiedene Weisen um: als Dämonen, die die antike Welt getäuscht hatten; als allegorische Gestalten, die dunkel auf christliche Wahrheiten hinwiesen; oder als völlig fiktive Erfindungen. Die Götter verschwanden nicht einfach, sie wurden von der neuen Reichsreligion aktiv und bewusst unterdrückt.
Aber auch das war nicht das Ende. Die griechische und römische Mythologie überlebte in Manuskripten, die von Mönchen aufbewahrt wurden (oft wegen ihres literarischen statt religiösen Wertes), im Lehrplan mittelalterlicher Universitäten und in der anhaltenden Faszination gebildeter Europäer für die klassische Welt.
Die Renaissance-Wiederbelebung
Die Renaissance (ungefähr 14. bis 17. Jahrhundert n. Chr.) brachte eine dramatische Wiederbelebung der klassischen Mythologie in Kunst und Literatur. Maler wie Botticelli (Die Geburt der Venus, Primavera), Raffael und Michelangelo stellten griechische Götter in Werken dar, die von Päpsten und Fürsten in Auftrag gegeben wurden. Dichter wie Dante, Petrarca und später Shakespeare griffen stark auf klassische Mythen zurück.
Dies war keine Rückkehr zum buchstäblichen Glauben an die Götter, sondern eine kulturelle und ästhetische Wiederbelebung, die die Kraft und Schönheit der griechischen Mythologie als symbolische Sprache anerkannte. Die Götter wurden zu Metaphern, Emblemen und künstlerischen Motiven statt zu Verehrungsobjekten.
Dieses säkulare Nachleben der griechischen Götter hat sich als bemerkenswert dauerhaft erwiesen. Heute können mehr Menschen Zeus, Athene und Hermes identifizieren als religiöse Figuren vieler lebender Traditionen beim Namen nennen.
Wo die griechischen Götter heute leben
Die griechischen Götter überleben in der modernen Kultur auf mehr Arten, als die meisten Menschen erkennen:
- Astronomie: Die Planeten unseres Sonnensystems tragen römische (und damit griechische) Namen: Jupiter, Saturn, Mars, Venus, Merkur, Neptun, Uranus. Ebenso viele Monde, Asteroiden und Raumfahrtmissionen.
- Sprache: Wörter wie «Musik» (von den Musen), «Psyche», «Atlas», «Panik» (von Pan), «Hypnose» (von Hypnos) und «Narzissmus» (von Narziss) leiten sich direkt aus der griechischen Mythologie ab. Mehr dazu in unserem Artikel Wörter aus der Mythologie.
- Psychologie: Freud und Jung griffen stark auf griechische Mythen zurück. Der Ödipus-Komplex, das Narzissmus-Konzept und jungianische Archetypen entstammen alle mythologischen Gestalten. Mehr dazu in unserem Artikel Psychologie und Mythologie.
- Populärkultur: Von Percy Jackson bis God of War bleibt die griechische Mythologie eine unerschöpflich reiche Quelle für das Geschichtenerzählen. Nike, Amazon, Pandora, Ajax und Apollon (NASA) sind allesamt Markennamen aus dem griechischen Mythos.
Verwandte Fragen
Häufig gestellte Fragen
Was geschah mit den griechischen Göttern, als sich das Christentum ausbreitete?
Starben die griechischen Götter?
Sind die griechischen und römischen Götter dieselben?
Verehren Menschen heute noch die griechischen Götter?
Wo können wir den Einfluss griechischer Götter heute sehen?
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